„54 Minuten“ – Marieke Nijkamp

„54 Minuten“ – Marieke Nijkamp

Autorin: Marieke Nijkamp | Verlag: Fischer FJB | Seiten: 336 | Veröffentlichung: 01.09.17

Inhalt

Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede zum neuen Schulhalbjahr. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Schulhalbjahr. Währenddessen sind zwei Schüler in das Büro der Schulleitung geschlichen, um Akten zu lesen. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Schüler und ihr Coach auf der Laufbahn für die neue Leichtathletiksaison. Wie immer ist die Rede der Dirketorin exakt um zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.

Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen. Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm unrecht getan haben. Aus der Sicht von vier Jugendlichen entfaltet sich der Amoklauf, bis die letzte Kugel verschossen ist.


Meine Meinung

Es wurde schon mehrfach erwähnt, aber ich möchte es nochmal sagen: Das Buch habe ich beim gemeinsamen Shoppen mit Johanna (von hier), Juliane (I AM JANE) und Ellen (angstvorclowns) gekauft. Ellen und ich waren uns ziemlich einig darüber, dass wir dieses Buch brauchen und kaufen und lesen müssen. Gesagt getan.

Nun, ich wusste im Vorfeld worum es in dem Buch geht und was mich erwartet, dennoch hat es mich ziemlich erschlagen, wie Tyler mit einer scheinbaren Willkür die eingeschlossenen Schüler abgeschlachtet hat. Als Bösewicht wurde er gut porträtiert. Sowohl von den Dialogen als auch von seinem Verhalten. Ich mag gute Bösewichte und er war wirklich ein eiskalter Killer. Nichts hat ihm mehr irgendetwas bedeutet.

Was mir bei genauerer Betrachtung dann aber missfallen hat, ist die Oberflächlichkeit der Thematik. Denn die Beweggründe des Täters wurden darauf reduziert, dass er einfach böse war. Man könnte seine Tat auch genauso gut damit begründen, dass er „Killer-Spiele“ gespielt hat. Beides ist lachhaft und eine Beleidigung an alle Menschen, die in irgendeiner Weise mit solch einem Amoklauf Erfahrung gemacht haben. Das Täterprofil ist weitaus komplexer und das hätte es hier auch sein müssen. So wie der Täter der Böse ist, sind alle Opfer die Guten. Sie sind freundlich und hilfsbereit, aufopfernd und mitfühlend. Aber unter 1000 potenziellen Opfern muss es auch Arschlöcher und Raudis geben und Menschen die ganz einfach egoistisch handeln. Das gab es hier aber nicht. Es ist traurig, das zu sagen, aber so funktioniert die Welt nicht.

Ich hatte also auch mit den „Opfern“ so meine Probleme. Es wurde großen Wert auf Diversity gelegt, dennoch waren sie mir alle zu ähnlich. Jede Figur schien ein Geschwisterteil zu haben, mit dem sie sich entfremdet hat. Erst durch diesen schrecklichen Vorfall finden sie wieder zueinander. Auch gab es ein lesbisches Paar, das ihre Beziehung jedoch geheim gehalten hat. Dem Täter gefiel diese Liaison nicht und er versuchte sie zu unterbinden. Das ist eine Kombination, die nicht sehr ermutigend für homosexuelle Leser ist.

Nichtsdestotrotz gab es natürlich Gründe warum ich weiter gelesen und das Buch nicht weggelegt habe (abgesehen von der Tatsache, dass ich Bücher so so ungern abbreche): Der Schreibstil war wirklich gut. Also die Wortwahl. Die Spannung wurde permanent auf einem hohen Level gehalten – was daran lag, dass sich die ganze Geschichte innerhalb von 54 Minuten abspielt. Die Kapitel sind hierbei unterteilt in wenige Minuten und aus der Sicht von vier (ich glaube es waren vier) Personen innerhalb dieser wenigen Minuten. Nachdem man die Geschehnisse der einen Personen gelesen hatte, musste man also gedanklich zurück auf beispielsweise 10:30 Uhr springen, wenn der Abschnitt einer anderen Person beginnt. Dies tat dem Lesefluss aber keinen Abbruch. Zwischen den Zeitabschnitt-Kapitel gab es immer eine Hand voll Social Media Einträgen (sieht aus wie Twitter und Facebook/Tumblr) aus der selben Zeitspanne. Bei den „Tweets“ hatte ich das Gefühl, dass sie genau so auch existieren würden in solch einer Situation – ich bin schon zu lange auf Twitter; man hat so einiges gesehen.

Diese Rezension ist negativer ausgefallen, als sie eigentlich sollte. Dieses Buch ist auf eine grausame Weise unterhaltsam, schrecklich und schrecklich gut und in keinster Weise langweilig. Allein die Vorstellung, dass solche Dinge so ähnlich wirklich passieren und leider nicht nur aus der wilden Fantasie einer Autorin entsprungen sind, ließ mich gespannt an den Seiten kleben.

Eine Sache noch: Ich finde die Tagline Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe sehr unnötig. Das Cover mag zwar sehr minimalistisch sein, aber es ist, in Verbindung mit dem Titel, grandios gewählt und absolut aussagekräftig. Als ich die englische Ausgabe (die genauso aussieht) damals zum ersten mal gesehen habe, konnte ich den Plot schon erahnen und ich denke, dass es nicht nur mir so geht.


Fazit

Ein Jugenthriller mit einem Thema, das jetzt so aktuell ist wie 1999 in Columbine oder 2002 in Erfurt und das gerade in den USA mit seinen lockeren Waffengesetzen auch leider immer wieder in den Schlagzeilen steht. Aufgrund der schweren Thematik hätte ich mir hier mehr Tiefe und realistischere Charaktere gewünscht. Nichdestotrotz konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Es ist erschreckend unterhaltsam und liegt auch noch lange nach Beenden im Magen.


Weitere Meinungen

angstvorclowns


Es hat geschrieben:

Maria von Riva
Maria von RivaIt's bigger on the inside.
Hey, ich bin Maria und bin 50 % von buchworte. Ich bin Hauptberuflich Rechtsanwaltsfachangestellte aus Hamburg. Überwiegend lese ich Young/New Adult und Fantasy, greife aber auch gern mal zu einem anderen Genre. Wenn ich nicht lese, schaue ich Netflix oder Let's Plays auf YouTube. Wenn keiner guckt, singe ich meinen Pflanzen Ellie Goulding vor.


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