„Das Erdbeermädchen“ – Lisa Stromme

„Das Erdbeermädchen“ – Lisa Stromme

Autorin: Lisa Stromme | Verlag: Heyne | Seiten: 352 | Veröffentlichung: 13.06.17

Inhalt

Sommer 1893. Die Bewohner von Åsgårdstrand, einem malerischen Fischerdorf an der norwegischen Küste, bereiten sich auf die Ankunft ihrer reichen Sommergäste vor. Die junge Erdbeersammlerin Johanne soll den Sommer über als Dienstmädchen im Hause des Admirals Ihlen arbeiten. Johanne freundet sich mit Tullik, der impulsiven Tochter des Admirals, an. Als diese eine verbotene Affäre mit dem noch unbekannten Edvard Munch beginnt, der geächtet am Rande des Dorfes lebt, drohen ihre Freundschaft und der bürgerliche Friede in Asgardstrand daran zu zerbrechen.


Meine Meinung

Schon das Cover hat mich neugierig gemacht, der Klappentext tat dann den Rest. Mit den Themen Norwegen und Kunst begebe ich mich allerdings auf Neuland. Hierzu habe ich bisher noch nichts gelesen und habe mich umso mehr auf die Geschichte gefreut. Die Mischung klang äußerst vielversprechend. Der Titel Das Erdbeermädchen ist ebenfalls ein Titel eines Kunstwerkes des Malers Heyerdahl, schöner finde ich aber noch den französischen Titel: Car si l’on nous sépare: Edvard Munch et sa muse. Auf Deutsch lautet er ungefähr wie folgt: Denn wenn wir getrennt sind. Edvard Munch und seine Muse. (Berichtet mich gern, ich habe hier nur den Google Übersetzer drüber laufen lassen). Er bringt eine gewisse Melancholie mit sich, die man auch in der Geschichte wiederfindet.

19tes Jahrhundert in Norwegen. Eine Geschichte über die Malerei und des zerstörerischen Wesens der Liebe.

Die Geschichte ist gespickt mit Farben, denn Johanne malt nicht nur selbst, sondern fühlt und sieht zudem auch in Farben. Nicht immer und nicht alles – was ich sehr angenehm empfand, da es dadurch seinen künstlerischen Touch behält und nicht erzwungen wirkt. Auch sind die Titel der Kapitel zumeist nach Farben benannt, die das kommende Geschehen wiederspiegeln. Man erkennt sehr schnell ein „Muster“ dahinter und weiß – trotz dass der Titel nur aus einem Farbton besteht – welche Stimmung den Leser erwartet. Verziert wird das ganze mit Zitate aus dem Buch Zur Farbenlehre von Goethe zu Beginn eines jeden Kapitels – ebenfalls ausgewählt nach im Inhalt des Kapitels.

Tullik lachte; blau, leer und bitter. […] Wieder Gefahr. Karmesin. Rubinrot. Gefahr.
– S. 150

Einen großen künstlerischen Faktor macht aber auch der Maler Edvard Munch aus. Zu unserer Zeit ein weltweit bekannter und anerkannter Künstler – eine Version seines Bildes Der Schrei verkaufte sich vor ein paar Jahren für sage und schreibe 120 Millionen Dollar. Im Jahre 1893 allerdings für seine Kunst gemieden und verachtet, lebt er in sehr bescheidenden Verhältnissen in einer Fischerhütte in Asgardstrand. Bis hier hin eine wahre Begebenheit und der nächste Teil ist zumindest im Buch so: Die Bewohner des Ortes halten seine Bilder für anstößig und Munch selbst für den Teufel. Doch für Tullik bedeutet er die Welt und auch Johanne spürt eine besondere Verbindung zwischen ihm und sich.

Viele seiner Bilder fanden als Szenen (oder eben als Bilder) ihren Weg in die Geschichte. Betrachtet man sich eine Auswahl seiner Werke, findet man immer wieder eine Dame mit langem rötlichen Haar. Die Autorin gestaltete Tullik nach diesem Vorbild (ebenso wie Johanne nach Heyerdahl’s Das Erdbeermädchen). So findet sich beispielsweise das Bild Vampir in einer Szene im Buch wieder. Natürlich hat auch sein berühmtes Werk Der Schrei eine bedeutende Rolle übernommen, doch welche werde ich an dieser Stelle nicht verraten.

Eine gertenschlanke Frau Anfang zwanzig stand etwas abseits. Sie trug ein hauchzartes, weißes Kleid mit kurzen Ärmeln, die die Schultern kaum bedeckten. […] Sie hatte ihren Rock gefasst und schwenkte ihn langsam hin und her, jedoch nicht im Takt, sondern in einem sanften Rhythmus, als hörte sie in ihrem Innern eine eigene Musik. Sie hatte blaue Augen, die durchdringend gewesen wären, hätte nicht ein glasiger Film über ihnen gelegen, und rote Locken, die ihr lose auf die nackten Schultern fielen.
– S. 39

Neben der Kunst spielt auch die Liebe eine große Rolle in dieser Geschichte. Während Munch ein eher in sich gekehrter Mensch ist, lebt und liebt Tullik mit aller Kraft. Sie stammt aus gutem Hause und ihre Eltern sind nicht gerade angetan von ihrer Liebe zu dem geächteten Maler. Doch Tullik lässt sich nichts sagen – sie macht wonach ihr der Sinn steht, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie ist wild und unberechnenbar. Doch das wird nicht ohne Folgen bleiben.

Trotz der Farbvielfalt und der malerischen Eindrücke, blieben die Figuren für mich allerdings ziemlich graustufig. Ich konnte zu keinen der Charaktere einen Bezug herstellen. Mit Ausnahme vielleicht von Edvard Munch, was aber auch nur daran liegt, dass er nicht fiktiv ist, sondern tatsächlich gelebt hat. Auch die Geschichte an sich hat mich nicht so gepackt, wie ich es gern gewollt hätte. Sie plätscherte so dahin und bot wenig Überraschungen. Man wusste eigentlich schon zu Beginn, wo die Reise hingeht. Und das obwohl der Schreibstil wirklich gut ist. Er verändert sich je nach Geschehen und Emotion, wird mal abgehackter, mal weicher und gerade durch die Verbindung mit den Farben bilden die Wörter hier ein stimmiges Bild.

Das wirklich Schöne an der Geschichte war dann der Nachhall. Der Mix aus realen Gegebenheiten und fiktiver Geschichte geht so fließend ineinander über, dass ich nach Beenden der Geschichte noch viel Zeit im Internet verbracht habe, um mich über Munch’s Leben, seine Bilder und Asgardstrand näher zu informieren. Wusstet ihr beispielsweise, dass Oslo eine ganze Zeit lang Kristiania hieß und eigentlich erst seit 1924 wieder in Oslo umbenannt wurde? Oder das Munch eine emotional recht labile Persönlichkeit war und unter Angststörungen litt? Wenn eine Geschichte es schafft, dass man sich näher mit einem Thema befasst, dann ist sie definitiv gut erzählt.


Fazit

Auch wenn das Cover danach aussieht, ist dies keine leichte Sommerlektüre. Die Geschichte ist sehr melancholisch, wenn nicht sogar bedrückend und düster. Auch wenn ich mich mit den Charakteren nicht anfreunden konnte und auch der Plot ohne große Überraschungen daherkommt, ist die Geschichte nichtsdestotrotz mit bunten Tupfern verziert und emotional erzählt. Der Debütroman der Autorin muss sich hinter niemanden verstecken.


Weitere Meinungen

Julia L. Jordan | Happy Booktime | thatweirdbookgirl


Danke an das Bloggerportal und dem Heyne Verlag, die mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben!


Author Profile

Maria von Riva
Maria von RivaIt's bigger on the inside.
Hey, ich bin Maria und bin 50 % von buchworte. Ich bin Hauptberuflich Rechtsanwaltsfachangestellte aus Hamburg. Überwiegend lese ich Young/New Adult und Fantasy, greife aber auch gern mal zu einem anderen Genre. Wenn ich nicht lese, schaue ich Netflix oder Let's Plays auf YouTube. Wenn keiner guckt, singe ich meinen Pflanzen Ellie Goulding vor.


2 thoughts on “„Das Erdbeermädchen“ – Lisa Stromme”

  • Huhu!

    Edvard Munch! Das ist für mich ein Riesengrund, das Buch zu lesen. Ich habe mich immer mal wieder ein bisschen mit ihm beschäftigt, aber eigentlich wollte ich schon ewig mal ein paar Sachbücher und Biografien über ihn lesen – aber ein Roman wäre schon mal ein Anfang… Wenigstens habe ich mir in Norwegen schon mehrmals Bilder von ihm im Museum angeschaut. 🙂 Von „Skrik“ (also „Der Schrei“) habe ich jedoch nur zwei Vorfassungen gesehen, er hat mehrere Versionen davon gemalt!

    Eine meiner Lieblingssängerinnen hat einen Text, den Munch über „Skrik“ geschrieben hat, vertont und gibt das Bedrohliche wunderbar wieder:
    https://www.youtube.com/watch?v=Kk98fUm2_ng

    Übersetzt etwa:
    „I ging die Straße mit zwei Freunden entlang – dann ging die Sonne unter – der Himmel wurde mit einem Schlag blutrot –und ich fühlte mich überwältigt von Melancholie. Ich blieb stehen und lehnte mich an das Geländer, todmüde – Wolken wie Blut und Feuerzungen hingen über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt. Meine Freunde gingen weiter, und ich stand allein, zitternd vor Angst. I fühlte einen großen, unendlichen Schrei, der die Natur durchdrang.“

    Ist das in diesem Roman auch drin? Ach, du merkst schon, für Munch kann ich mich begeistern!

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

    • Hey Mikka,

      lieben Dank für deinen schönen Kommentar! Wenn dich Munch interessiert, dann solltest du das Buch unbedingt auf deine Leseliste packen!

      Bei meiner „Recherche“ nach Beenden des Buches habe ich auch die Aussage von Munch gelesen, wie es zu „Der Schrei“ kam. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber diese Entstehungsgeschichte hat das Bild in „Das Erdbeermädchen“ nicht bekommen. Zumindest größtenteils nicht, aber ein kleines bisschen. Für die Story wurde sich hier aber eine andere gute Bedeutung für „Der Schrei“ ausgedacht.

      Vielen Dank, dass du den Beitrag verlinkt hast. Das freut mich bzw. uns =)

      Liebe Grüße
      Maria

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